{"id":310,"date":"2014-08-12T11:55:50","date_gmt":"2014-08-12T11:55:50","guid":{"rendered":"http:\/\/ib-teni.at\/?p=310"},"modified":"2023-03-20T16:52:42","modified_gmt":"2023-03-20T16:52:42","slug":"cradle-to-cradle-mehr-als-nur-ein-feigenblatt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ib-teni.at\/?p=310","title":{"rendered":"Cradle to Cradle \u2013 mehr als nur ein Feigenblatt ?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Prinzipiell kann man dem \u201ecradle to cradle \u2013 Prinzip von Prof. Michael\u00a0 Braungart einiges abgewinnen, die praktische Umsetzung seines Konzeptes w\u00fcrde aber wohl zu keiner Verbesserung unserer derzeitigen Lage f\u00fchren. Ganz im Gegenteil w\u00fcrde sein Ansatz des \u201eintelligenten Verschwendens\u201c die derzeit bestehenden Probleme wohl noch versch\u00e4rfen. Grundlegendes Problem ist nach wie vor unser Wirtschaftssystem, das auf st\u00e4ndiges Wachstum angewiesen ist sowie unsere irrige Vorstellung, Natur ist etwas, da\u00df man sich untertan machen muss und bedenkenlos ausbeuten kann. Solange unser Wirtschaftssystem nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellt, ist wohl jeder noch so gut gemeinte Ansatz zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<p>L\u00f6sungen, die allein auf technologische Effizienz bauen (ganz gleich wie attraktiv und\/oder intelligent sie sein m\u00f6gen) verhindern nicht den Wunsch nach dem immer mehr und somit weiterer Expansion \u2013 sprich der Aufrechterhaltung unseres derzeitigen Wirtschaftssystems \u2013 nur eben mit einem \u201egr\u00fcnen\u201c Anstrich.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Zwei Dinge sind f\u00fcr ein enkeltaugliches Wirtschaftssystem ma\u00dfgeblich:<br \/>\n<\/span>1.) Reduzierung der Ressourcennutzung auf das menschliche Ma\u00df.<br \/>\n2.) Die Natur kennt keine Abf\u00e4lle.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Die gro\u00dfen Fragen zur Umsetzung einer enkeltauglichen Wirtschaftsweise lauten:<\/span><br \/>\n&#8211; Wie lernen der Einzelne und ganze Gesellschaften das?<br \/>\n&#8211; Was steht dem Wandel zur Zukunftsf\u00e4higkeit (Enkeltauglichkeit) im Weg?<br \/>\n&#8211; Wie l\u00e4sst sich diese Wirtschaftsweise f\u00f6rdern?<\/p>\n<p>Die Beantwortung dieser Fragen umgeht Hr. Braungart oft bzw. sind seine Antworten darauf recht oberfl\u00e4chlich gehalten. Mit meiner Kritik an seinem Konzept bin ich nicht alleine.<\/p>\n<p><i>Ein prominenter Kritiker von Michael Braungart ist der langj\u00e4hrige Leiter des Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie Friedrich Schmidt-Bleek. Die mehrfach in Braungarts Buch angef\u00fchrte Behauptung, durch die pessimistische Ausrichtung der Umweltbewegung w\u00fcrde die f\u00fcr die L\u00f6sung der Probleme notwendige Kreativit\u00e4t unterdr\u00fcckt, bezeichnet er als pseudopsychologischen Unsinn. Auch die praktische Umsetzbarkeit des Konzepts bezweifelt Schmidt-Bleek. Als Beispiel f\u00fchrt er die kompostierbaren Sitzbez\u00fcge an, die von Braungart f\u00fcr den neuen Airbus A380 entworfen wurden:<\/i><\/p>\n<p><i>\u201eIch kann mich auf Michaels Sitzbez\u00fcgen im Flugzeug sehr wohl f\u00fchlen. Ich warte aber noch immer auf den detaillierten Vorschlag, die anderen 99,99 Prozent des Airbusses A380 nach seinen Prinzipien zu gestalten.\u201c Dass das Konzept in gro\u00dfem Rahmen ohne Sch\u00e4digung der Natur umsetzbar sein k\u00f6nnte, h\u00e4lt Schmidt-Bleek f\u00fcr v\u00f6llig ausgeschlossen.<\/i><\/p>\n<p><i>Aber auch Bef\u00fcrworter eines \u00f6koeffektiven Ansatzes \u00fcben Kritik an Cradle to Cradle, etwa der Wirtschaftsethiker Rahim Taghizadegan:<\/i><\/p>\n<p><i>\u201eDas Versprechen besteht eigentlich auch nur darin, dass man dann ohne schlechtes Gewissen verschwenden k\u00f6nnte. Doch auch das ist falsch. Nahrungsmittel sind etwa vollkommen kompostierbare Produkte. Ist es deshalb richtig, massenweise angebrochene Nahrungsmittel wegzuwerfen?\u201c<\/i><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Zur Erkl\u00e4rung:<\/span><br \/>\n\u00d6koeffektiv sind nach Braungart \u00a0Produkte, die entweder als biologische N\u00e4hrstoffe in biologische Kreisl\u00e4ufe zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen oder als \u201etechnische N\u00e4hrstoffe\u201c kontinuierlich in technischen Kreisl\u00e4ufen gehalten werden.<\/p>\n<p>Seit Beginn der 90-Jahre ist der Begriff der \u00d6koeffizienz in der Industrie zunehmend beliebter geworden, kein Unternehmen, da\u00df etwas auf sich h\u00e4lt, kommt mittlerweile ohne diesen Terminus aus: Mit weniger Ressourceneinsatz sollen h\u00f6here Ergebnisse erreicht und durch die Verminderung von Schadstoffen\/Abf\u00e4llen die Belastungen der Umwelt reduziert werden. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass \u00d6koeffizienz den Prozess der Umweltverschmutzung und Rohstoffverknappung zwar verlangsamen, aber nicht stoppen kann.<\/p>\n<p>Die Natur produziert gro\u00dfe Mengen \u201eAbfall\u201c &#8211; sie ist (lt. obiger Definition) nicht \u00f6koeffizient. Aber sie ist trotzdem <b>\u00f6koeffektiv<\/b>, weil das Ganze (unser Planet Erde) ein nachhaltiges System ist. Jedes St\u00fcck Abfall wird wiederverwendet \u2013 es gibt keinen Rest- oder Sonderm\u00fcll.<\/p>\n<p>Ein Lieblingssatz von Michael Braungart ist ein Zitat von Albert Einstein, wonach man Probleme nicht mit der Denkweise l\u00f6sen kann, die zu ihrer Entstehung gef\u00fchrt haben. Damit wird Braungart \u00a0zu seinem eigenen Kritiker. Das Grund\u00fcbel unserer Umweltprobleme liegt n\u00e4mlich nicht in einem falsch angelegten Umweltmanagement &#8211; wie er nicht m\u00fcde wird zu \u00a0behauptet &#8211; sondern unsere ungesunde Wachstumswirtschaft, welche l\u00e4ngst alle \u00f6kologisch verantwortbaren Grenzen \u00fcberschritten hat, ist es. Wer so hemmungslos wie Braungart am Wachstumsdenken festh\u00e4lt, sollte sich nicht als Vorreiter neuer Denkweisen r\u00fchmen.<\/p>\n<p>Braungart mag zwar f\u00fcr umweltfreundliche Produktionsmethoden k\u00e4mpfen, sieht allerdings nicht, da\u00df die gegenw\u00e4rtige Krise nicht einfach mit neuen Produktionsmethoden zu l\u00f6sen \u00a0ist. Der grundlegende Wertewandel unserer Konsumgesellschaft, der dazu n\u00f6tig ist, geht weit \u00fcber \u00d6koeffektivit\u00e4t, Cradle-to-Cradle und gr\u00fcnen Strom f\u00fcr unser Wirtschaftssystem hinaus.<\/p>\n<p>Wenn wir den lateinischen Wurzeln des Wortes Konsum (consumere = verbrauchen, verwenden, vergeuden) uns folgerichtig als Vernichter\/Zerst\u00f6rer der Ressourcen unseres Planeten bezeichnen, w\u00fcrde das die derzeitige Situation schon treffender beschreiben.<\/p>\n<p>Der Grund, warum Braungart sowie ausnahmslos alle aktiven Wirtschaftswissenschaftler, Manager, Banker, etc. gegen ein \u201eGesundschrumpfen\u201c unseres auf Konsum und st\u00e4ndigem Wirtschaftswachstum angewiesenem System sind, ist folgender: WIR K\u00d6NNEN GAR NICHT MEHR VERZICHTEN! Ein R\u00fcckgang des Wirtschaftswachstums und somit des Konsums (Vernichtens) um ein paar Prozentpunkte alarmiert bereits die Wirtschaftsw\u00e4chter ! Ein auch freiwilliger Verzicht um 10 bis 20% h\u00e4tte gravierende Folgen. Das w\u00e4re wohl der Zusammenbruch unserer Welt \u2013 zumindest so, wie wir sie kennen. Nur so sind die gewaltigen Anstrengungen zu verstehen, die unternommen werden, um diese Wahrheit nicht ins Bewusstsein der Menschen einsickern zu lassen. Kein Preis ist zu hoch, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. An ein Einschr\u00e4nken, Schrumpfen ist gar nicht zu denken. Deswegen ist das Cradle-to-Cradle-Prinzip bei den Verantwortlichen in Finanz- und Wirtschaftskreisen auch so beliebt: Es f\u00fcgt sich sch\u00f6n ins Gesamtbild ein \u2013 ohne Gefahr einer dringend notwendigen Kurskorrektur. Somit ist es ein weiteres Feigenblatt; zwar ein gr\u00fcnes, aber doch nur ein Feigenblatt.<\/p>\n<p><i>\u201eZu Beginn des 21. Jahrhunderts sind wir vom Ende der Natur und damit der Welt selbst bedroht, weil sich eine Technik, die scheinbar volle Herrschaft \u00fcber den Planeten Erde erm\u00f6glicht, in der Hand von Psychopathen und B\u00fcrokraten befindet.\u201c Arno Gr\u00fcn<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prinzipiell kann man dem \u201ecradle to cradle \u2013 Prinzip von Prof. Michael\u00a0 Braungart einiges abgewinnen, die praktische Umsetzung seines Konzeptes w\u00fcrde aber wohl zu keiner Verbesserung unserer derzeitigen Lage f\u00fchren. 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