Cradle to Cradle – mehr als nur ein Feigenblatt ?

Prinzipiell kann man dem „cradle to cradle – Prinzip von Prof. Michael  Braungart einiges abgewinnen, die praktische Umsetzung seines Konzeptes würde aber wohl zu keiner Verbesserung unserer derzeitigen Lage führen. Ganz im Gegenteil würde sein Ansatz des „intelligenten Verschwendens“ die derzeit bestehenden Probleme wohl noch verschärfen. Grundlegendes Problem ist nach wie vor unser Wirtschaftssystem, das auf ständiges Wachstum angewiesen ist sowie unsere irrige Vorstellung, Natur ist etwas, daß man sich untertan machen muss und bedenkenlos ausbeuten kann. Solange unser Wirtschaftssystem nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellt, ist wohl jeder noch so gut gemeinte Ansatz zum Scheitern verurteilt.

Lösungen, die allein auf technologische Effizienz bauen (ganz gleich wie attraktiv und/oder intelligent sie sein mögen) verhindern nicht den Wunsch nach dem immer mehr und somit weiterer Expansion – sprich der Aufrechterhaltung unseres derzeitigen Wirtschaftssystems – nur eben mit einem „grünen“ Anstrich.

Zwei Dinge sind für ein enkeltaugliches Wirtschaftssystem maßgeblich:
1.) Reduzierung der Ressourcennutzung auf das menschliche Maß.
2.) Die Natur kennt keine Abfälle.

Die großen Fragen zur Umsetzung einer enkeltauglichen Wirtschaftsweise lauten:
- Wie lernen der Einzelne und ganze Gesellschaften das?
- Was steht dem Wandel zur Zukunftsfähigkeit (Enkeltauglichkeit) im Weg?
- Wie lässt sich diese Wirtschaftsweise fördern?

Die Beantwortung dieser Fragen umgeht Hr. Braungart oft bzw. sind seine Antworten darauf recht oberflächlich gehalten. Mit meiner Kritik an seinem Konzept bin ich nicht alleine.

Ein prominenter Kritiker von Michael Braungart ist der langjährige Leiter des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie Friedrich Schmidt-Bleek. Die mehrfach in Braungarts Buch angeführte Behauptung, durch die pessimistische Ausrichtung der Umweltbewegung würde die für die Lösung der Probleme notwendige Kreativität unterdrückt, bezeichnet er als pseudopsychologischen Unsinn. Auch die praktische Umsetzbarkeit des Konzepts bezweifelt Schmidt-Bleek. Als Beispiel führt er die kompostierbaren Sitzbezüge an, die von Braungart für den neuen Airbus A380 entworfen wurden:

„Ich kann mich auf Michaels Sitzbezügen im Flugzeug sehr wohl fühlen. Ich warte aber noch immer auf den detaillierten Vorschlag, die anderen 99,99 Prozent des Airbusses A380 nach seinen Prinzipien zu gestalten.“ Dass das Konzept in großem Rahmen ohne Schädigung der Natur umsetzbar sein könnte, hält Schmidt-Bleek für völlig ausgeschlossen.

Aber auch Befürworter eines ökoeffektiven Ansatzes üben Kritik an Cradle to Cradle, etwa der Wirtschaftsethiker Rahim Taghizadegan:

„Das Versprechen besteht eigentlich auch nur darin, dass man dann ohne schlechtes Gewissen verschwenden könnte. Doch auch das ist falsch. Nahrungsmittel sind etwa vollkommen kompostierbare Produkte. Ist es deshalb richtig, massenweise angebrochene Nahrungsmittel wegzuwerfen?“

Zur Erklärung:
Ökoeffektiv sind nach Braungart  Produkte, die entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden können oder als „technische Nährstoffe“ kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden.

Seit Beginn der 90-Jahre ist der Begriff der Ökoeffizienz in der Industrie zunehmend beliebter geworden, kein Unternehmen, daß etwas auf sich hält, kommt mittlerweile ohne diesen Terminus aus: Mit weniger Ressourceneinsatz sollen höhere Ergebnisse erreicht und durch die Verminderung von Schadstoffen/Abfällen die Belastungen der Umwelt reduziert werden. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass Ökoeffizienz den Prozess der Umweltverschmutzung und Rohstoffverknappung zwar verlangsamen, aber nicht stoppen kann.

Die Natur produziert große Mengen „Abfall“ – sie ist (lt. obiger Definition) nicht ökoeffizient. Aber sie ist trotzdem ökoeffektiv, weil das Ganze (unser Planet Erde) ein nachhaltiges System ist. Jedes Stück Abfall wird wiederverwendet – es gibt keinen Rest- oder Sondermüll.

Ein Lieblingssatz von Michael Braungart ist ein Zitat von Albert Einstein, wonach man Probleme nicht mit der Denkweise lösen kann, die zu ihrer Entstehung geführt haben. Damit wird Braungart  zu seinem eigenen Kritiker. Das Grundübel unserer Umweltprobleme liegt nämlich nicht in einem falsch angelegten Umweltmanagement – wie er nicht müde wird zu  behauptet – sondern unsere ungesunde Wachstumswirtschaft, welche längst alle ökologisch verantwortbaren Grenzen überschritten hat, ist es. Wer so hemmungslos wie Braungart am Wachstumsdenken festhält, sollte sich nicht als Vorreiter neuer Denkweisen rühmen.

Braungart mag zwar für umweltfreundliche Produktionsmethoden kämpfen, sieht allerdings nicht, daß die gegenwärtige Krise nicht einfach mit neuen Produktionsmethoden zu lösen  ist. Der grundlegende Wertewandel unserer Konsumgesellschaft, der dazu nötig ist, geht weit über Ökoeffektivität, Cradle-to-Cradle und grünen Strom für unser Wirtschaftssystem hinaus.

Wenn wir den lateinischen Wurzeln des Wortes Konsum (consumere = verbrauchen, verwenden, vergeuden) uns folgerichtig als Vernichter/Zerstörer der Ressourcen unseres Planeten bezeichnen, würde das die derzeitige Situation schon treffender beschreiben.

Der Grund, warum Braungart sowie ausnahmslos alle aktiven Wirtschaftswissenschaftler, Manager, Banker, etc. gegen ein „Gesundschrumpfen“ unseres auf Konsum und ständigem Wirtschaftswachstum angewiesenem System sind, ist folgender: WIR KÖNNEN GAR NICHT MEHR VERZICHTEN! Ein Rückgang des Wirtschaftswachstums und somit des Konsums (Vernichtens) um ein paar Prozentpunkte alarmiert bereits die Wirtschaftswächter ! Ein auch freiwilliger Verzicht um 10 bis 20% hätte gravierende Folgen. Das wäre wohl der Zusammenbruch unserer Welt – zumindest so, wie wir sie kennen. Nur so sind die gewaltigen Anstrengungen zu verstehen, die unternommen werden, um diese Wahrheit nicht ins Bewusstsein der Menschen einsickern zu lassen. Kein Preis ist zu hoch, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. An ein Einschränken, Schrumpfen ist gar nicht zu denken. Deswegen ist das Cradle-to-Cradle-Prinzip bei den Verantwortlichen in Finanz- und Wirtschaftskreisen auch so beliebt: Es fügt sich schön ins Gesamtbild ein – ohne Gefahr einer dringend notwendigen Kurskorrektur. Somit ist es ein weiteres Feigenblatt; zwar ein grünes, aber doch nur ein Feigenblatt.

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind wir vom Ende der Natur und damit der Welt selbst bedroht, weil sich eine Technik, die scheinbar volle Herrschaft über den Planeten Erde ermöglicht, in der Hand von Psychopathen und Bürokraten befindet.“ Arno Grün

 

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